Breakout Session

The impact of Rotary Youth Exchange Programs

Leute laufen um mich herum. Koffer rollen an mir vorbei. Ich höre das Blättern der Anzeigentafel. Tränen kullern meine Wangen herunter. Ich gebe dem lächelnden Security Officer meine Tasche und lege meinen Blazer auf das Band.
Er weiß genau, was gerade vor sich geht. Und dann drehe ich mich um, noch ein letztes Mal. Ich schaue direkt in die Augen von meinem Gastvater. Er lächelt, winkt „Auf Wiedersehen“ und ich kann sehen, wie seine Augen rot leuchten. Ich versuche „Danke“ zu flüstern, aber meine Stimme bricht.

Das war der 12. Juli 2013. Elf Monate nachdem ich in das Flugzeug gestiegen bin, dass mich nach Bangkok, Thailand gebracht hat. Ein Ort tausende Kilometer von zu Hause entfernt mit einer komplett anderen Kultur und keiner einzigen Person, die ich kannte und keiner einzigen Person, die mich kannte. Ich konnte noch nicht einmal die Namen meiner Gasteltern aussprechen. Menschen, die ich noch nie in meinem Leben getroffen habe. Das Einzige, was ich über sie wusste, war von der kurzen E-Mail, die sie mir geschickt haben, bevor ich angekommen bin. „Wir werden dich vom Flughafen abholen. Willkommen in Thailand.“ Werde ich sie überhaupt am Flughafen wiedererkennen können – da ja angeblich alle Asiaten gleich aussehen?! Ich hatte keine Ahnung! Aber wie konnte ich auch? Da ich gerade mal 16 Jahre alt war und noch nicht einmal jemals Europa verlassen hatte? Die Welt war so groß und ich fühlte mich so klein und verloren nur eine von 7 Milliarden Menschen auf der Erde zu sein.

Was hat sich also mit dem Mädchen verändert, dass so viel Angst davor hatte alleine in diese Welt hinaus gelassen zu werden und dem Mädchen, dass ein gebrochenes Herz am 12. Juli 2013 am Flughafen in Bangkok hatte, als sie ihr Leben als Rotary Youth Exchange Student zurücklassen musste?

Niemand wird jemals dazu fähig sein uns die lebensverändernden Erfahrungen wegzunehmen, die wir im Austausch erleben. Sie haben ihre Spuren auf mir hinterlassen und sie erinnern mich jeden Tag – auch drei Jahre später – wer ich geworden bin und wer ich immer noch bin.

An meinem ersten Schultag, als ich komplett verloren und alleine war und mich vor 4000 Schülern – einer Menge etwa so groß wie die Hälfte meiner kleinen Heimatstadt – vorstellen musst, habe ich gelernt meine Ängste zu überwinden. Ich hatte Angst davor auf fremde Menschen zu zugehen und sie anzusprechen. Würden sie mich mögen? Würden wir Freunde werden? Würden sie über mein gebrochenes Thai lachen? Mein Austausch hat mich gelehrt diese Angst zu überwinden. Egal ob ich eine neue Person nach der anderen kennenlerne oder 4000 auf einmal.

Als es mir nicht möglich war, die gleiche Sprache wie meine neue Familie zu sprechen, habe ich gelernt, dass wir alle in der selben Sprache lachen. „Pai gin kao mai ka?“ hat mich eines der Mädchen in meiner ersten Woche in der Schule gefragt. Ich habe meine Augenbrauen hochgezogen und hatte wahrscheinlich einen sehr komischen Gesichtsausdruck. Doch sie lächelt mich an, nimmt meine Hand und nimmt mich mit, um mit ihr in der Schulkantine Mittag zu essen. Ich lächele zurück und bin dankbar dafür, dass sie mich nicht auf dem Schulflur alleine hat stehen lassen.

Ich habe gelernt stark zu bleiben und für meine Träume zu kämpfen, als ich mich nur in mein Bett verkriechen und in mein Kissen weinen wollte, weil ich so viel Heimweh hatte und nichts lieber wollte als eine einfach Umarmung von meiner Mama.

Ich hatte die Möglichkeit in eine neue Kultur komplett einzutauchen und ihre Werte und Normen kennenzulernen. Dabei habe ich vor allen Dingen gelernt, Klischees zu überwinden. Nein, nicht alle Asiaten sehen gleich aus und nein, sie sind nicht alle gut in Mathe und ja, es ist absolut möglich ihre Sprache zu lernen.

Eine Familie mit Austauschschülern aus der ganzen Welt zu werden, hat mir gezeigt, dass es trotz unserer Unterschiede Menschen genau wie mich überall auf der Erde gibt. Es hat mich gelehrt Teil der weltweiten Community zu werden. Ich bin vielleicht immer noch eine aus 7 Milliarden Menschen aber die Welt ist so klein für mich geworden. Rotary Youth Exchange hat wirklich keine Sicht auf die Welt verändert. Sie kommt mir nicht mehr vor, wie ein großer und gruseliger Ort, in dem ich einfach nur komplett verloren bin. Ich habe festgestellt, dass ich ein zu Hause finden kann, egal wo ich hingehe.

Diese Tatsache wurde mir diesen einen Abend, den ich zusammen mit meiner Gastfamilie verbracht habe, richtig bewusst. Wir haben zusammen zu Hause Abend gegessen und endeten für Stunden am Abendbrotstisch erzählend und lachend wie wir es meistens taten. Mein Austausch neigte sich langsam dem Ende entgegen und ich habe gefragt, ob ich am nächsten Tag vielleicht zum Flughafen fahren dürfte, um eine Freundin zu verabschieden, die zurück nach Hause geflogen ist. Ich wäre ein bisschen später als sonst nach Hause gekommen. Wir haben darüber gesprochen, dass ein anderer Rotarier mich nach Hause bringt. Aber als wir Schwierigkeiten hatten eine Lösung zu finden, unterbricht mein Gastvater plötzlich die Unterhaltung und sagt: „Mach dir keine Sorgen, Sophie. Ich hole dich ab. Ich bin dein Papa.“

Er sagte es, als wenn es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre. „Ich bin dein Papa.“ Ich habe wirklich ein zweites zu Hause gefunden. Ein Ort, an den ich zurückkommen kann, egal  wann und warum. Eine Familie, die mich wie ihre eigene Tochter aufgenommen hat, die mich Wert geschätzt hat und mir so viel Liebe geschenkt hat.

Obwohl ich nur irgendein Mädchen war, von der sie nur eine einfache E-Mail bekommen hatten „Hallo ich heiße Sophie und ich werde nächstes Jahr eure Austauschschülerin sein.“ Als ich mich also dieses ein letzte Mal am Flughafen in Bangkok umgedrehte und versuchte „Danke“ zu flüstern, war der mir weinend zuwinkende Mann nicht einfach nur mein Gastvater. Er ist mein richtiger Vater geworden. Rotary Youth Exchange hat die ganze Welt in mein zu Hause verwandelt.

Sophie Richter
District 1800, Germany

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