Schüleraustausch mit Rotary – Ein besonderes Jahr am anderen Ende der Welt

    Die lange gerade Straße scheint kein Ende zu nehmen. Meine Stirn ist gegen das kalte Fenster des Autos gepresst. Am Wegesrand ziehen Kakteen und Büsche, vereinzelt kleine Bäume vorbei.

    Ab und zu unterbrochen von Weiten aus Salz und Pferden. Vereinzelt blitzen Sterne am dunklen Himmel auf. Meine Augen drohen zuzufallen, es muss schon fast 12 sein. Vorne fängt meine Gastschwester an zu sprechen. Von einer mir fremden Welt. Mit mir? Anscheinend. Ich verstehe kein Wort, murmele aber manchmal mhh, ahh und si. Ich dämmere weg…

    Ich bin in Argentinien – als rotarische Gastschülerin. Wie kam es dazu? Alles fing an mit meinem Traum, nach Neuseeland zu gehen. Als ich das erste Mal erwähnte, dass ich ins Ausland gehen wolle, zeigte meine Mutter mir einen Vogel und fing an zu lachen. Ich war schließlich erst 12 Jahre alt und Neuseeland klang nach Aliens und Ozonloch.

    Als meine Eltern allerdings merkten, dass ich es wirklich ernst meinte, schleppten sie mich zu unzähligen „Auslandsmessen“. Die Erste im Unileverhaus, nur über Schulen in Neuseeland und Australien. Später auch über andere Länder, mit anderen Organisationen. Zwei Jahre später kam dann der Knall. Neuseeland? Unmöglich, es wäre schlichtweg zu teuer. Meine Welt brach zusammen. Und jetzt? USA? Wollte ich gar nicht. Kanada? Die gleiche Preisklasse wie NZ.

    Der Traum von Neuseeland also geplatzt. Ich weiß noch was für ein Theater ich damals gemacht habe. Völlig unnötig wie ich jetzt weiß, denn ein Auslandsaufenthalt ist großartig – das Land spielt in Wahrheit nur eine winzig kleine Rolle.

    Kurz darauf schlug meine Mutter mir den Rotary Youth Exchange, kurz RYE, vor. Rotary? Was ist das? Ich hatte noch nie etwas von dieser Organisation gehört. Sie fing an zu erklären, dass bei Rotary die Kosten für das Auslandsjahr nicht so ein Drama wären, denn jede Familie, deren Kind ins Ausland geht, muss dafür ein Austauschkind aufnehmen. Über diesen Punkt mussten auch meine Eltern erst nachdenken, aber schließlich sahen sie es als ihr eigenes, persönliches Abenteuer und stimmten dem zu.

    Die anderen beiden Punkte, die anders als in herkömmlichen Austauschprogrammen sind, führten dazu, dass ich bockige 15-Jährige, die ich damals war, mich komplett querstellte. Wie? Ich sollte zwei Mal die Gastfamilie wechseln? Um die Kultur des Landes und nicht die der Familie kennenzulernen? So hatte ich mir das ja gar nicht vorgestellt. Um ehrlich zu sein jagte mir die Vorstellung Angst ein.

    Aber jetzt, nach dem Jahr, ist mir bewusst, dass dieses System eigentlich ziemlich gut ist. Bei drei Gastfamilien ist die Chance, dass eine oder zwei voll auf deiner Wellenlänge sind ziemlich hoch. Bei nur einer kann es natürlich schnell mal passieren, dass die Chemie nicht ganz stimmt. Es kann ja nicht immer alles passen.

    Der zweite Punkt? Ich konnte mir das Land nicht aussuchen, nur drei Wünsche angeben, von denen nur ein Land englischsprachig sein durfte. Wie jetzt? Ich wollte doch unbedingt ins englischsprachige Ausland um mein Abi perfekt hinzubekommen!! Aber wie ich schon sagte: Es ist total egal, in welches Land man geht. Egal, ob man die Sprache kann oder nicht (die lernt man sowieso automatisch). Mit Blick auf ein so aufregendes Auslandsjahr sollte man wirklich mal „Sch…-doch-aufs-Abi“ sagen und ein Jahr leben. Menschen kennenlernen, eine zweite, dritte, vielleicht sogar vierte Familie und neue beste Freunde finden, ohne die alten aufzugeben.

    Viele mögen sich jetzt vielleicht denken, dass man dann ja ein Schuljahr „wiederholen“ muss und vielleicht nicht mehr mit den besten Freunden in einem Jahrgang ist. Ein ziemlich geringer Preis, finde ich zumindest, für das aufregendste Jahr meines Lebens, das eigentlich viel mehr als nur das ist. Nämlich ein neues, zweites Leben. Ich würde um nichts in der Welt tauschen wollen.

    Inzwischen laufe ich wieder die vertraute Straße zu meinem Haus in Deutschland entlang. Nichts hat sich verändert und doch ist alles anders. Ich habe zehn Geschwister und vier beste Freunde mehr, die 11.600 Kilometer weit weg wohnen. Meine Eltern haben zwei Kinder – ihre Gastschüler während des Jahres – mehr, die inzwischen wieder zu ihren eigenen Eltern zurückgeflogen sind. Und alles, woran ich nachts denke, sind kleine Momente, Erlebnisse, Orte und Personen aus Argentinien. Und wie gerne ich jetzt schon wieder dorthin zurückkehren würde.

    Svea Lübbert, Hamburg

    Original erschienen in ahrensburg24.de

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